Wenn es doch so einfach wäre

Jetzt haben wir den Salat. Ich spreche von President Donald Trump. Er wurde vielfach belächelt und gar ausgelacht und hat beinahe die gesamte intellektuelle Welt gegen sich. Seine oft gegensätzlichen Aussagen ließen ihn auf den ersten Blick als unentschieden, unkoordiniert und vielleicht auch als Dummkopf erscheinen. Doch so einfach ist es leider doch nicht und daraus können wir auch für den bevorstehenden Wahlkampf in Deutschland etwas lernen. 

Mittlerweile ist klar, dass Trump dieses Vorgehen von langer Hand geplant hatte. Es ist Teil einer präzise ausgesteuerten Kampagne, die von den neuesten Errungenschaften des Marketings gebraucht machte. Als Marketingverantwortliche ziehen wir unseren Kopf nur zu gerne mit der Ausrede aus der Schlinge, dass wir nur bereits vorhandene Bedürfnisse ansprechen und verstärken, also nicht manipulieren können. In Deutschland verhindern darüber hinaus Datenschutzgesetze die Verbindung von Metadaten und personenbezogenen Daten, was eine tatsächlich individuelle Beeinflussung massiv erschwert. So können wir bislang guten Gewissens sagen, dass die leistungsfähigen Instrumente (zumindest von uns) nicht zu einem wirkungsvollen Eingriff in die politische Willensbildung unserer Mitbürger eingesetzt werden. Trump konnte jedoch beides aushebeln.

Marken sprechen immer ganz konkrete Bedürfnisse an, die entweder stark genug oder eben nicht stark genug ausgeprägt sind, um auf einen Stimulus 1)Impuls z.B. durch eine Werbeanzeige zu reagieren. Durch seine kontroversen Äußerungen hat Trump es jedoch vermocht sowohl Menschen anzusprechen, die vom Plan des Mauerbaus überzeugt waren, als auch jene, die diesen Plan für nicht sinnvoll hielten. Nach dem Prinzip des Vorpreschens und Provozierens konnte er die Hardliner für sich gewinnnen und die gemäßigten durch Relativierungen beschwichtigen. Für jeden gab es ein Argument, eine Aussage, ein Zitat, dass genau die politische Einstellung abbildete, die er wählen würde. Alles vom selben Mann. Diese teils wiedersprüchlichen Aussagen wurden genutzt, um Werbekampagnen in sozialen Netzwerken individuell auf die politische Gesinnung des Rezipienten auszusteuern. Der Inhalt der Anzeige konnte anhand des analysierten Online-Verhaltens und der auf Facebook geäußerten Präferenzen präzise angepasst werden. Wer danach im Web suchte konnte stets eine Aussage von Trump finden, die diese Position unterstütze. Darüber hinaus wurden die Wahlkampfteams digitalisiert und konnten über eine App Informationen darüber einsehen, für welche Argumente die Personen an einer bestimmten Adresse oder in einem bestimmten Gebiet empfänglich sind. Dies wurde möglich durch den massiven Einkauf von personenbezogenen Daten, der zwar in den USA an sich keine Neuigkeit darstellt, in dieser Form der Nutzung jedoch eine neue Form der politischen Perversion erreicht hat. Letztlich ist Trump nicht ein Kandidat mit einer Position gewesen, sondern die Summe zahlreicher Positionen und Aussagen, die sich alle unter einem Dach vereinen lassen: America first.

In Deutschland sind wir zumindest zum Teil vor derartigem Vorgehen geschützt, doch die AFD verfolgt eine vergleichbare Agenda, was allgemein bekannt aber nun auch schriftlich belegt ist 2)FAZ. Patriotismus und Beschuldigung von Zuwanderern und dem Ausland gehören zum politischen Rüstzeug der führenden AFD Politiker. Provokative Vorstöße werden forciert, toleriert und relativiert. Die kürzlich öffentlich gewordene Rede von Höcke ist ein Paradebeispiel für das strategische Vorgehen. Als Fraktionschef in Thüringen ist er unbedeutend genug, um als Teil einer Randbewegung der AFD zu gelten aber bekommt genug Gehör, um das politische Spekturm weiter nach rechts rücken zu können. Ausrutscher von Gauland, Petry und Frau von Storch fügen sich in ein beeindruckendes Gesamtbild der gezielten Steuerung der Debatte. So sammelt die AFD weiter Stimmen im braunen Sumpf und kann auf Bundesebene dem einfachen „besorgten Bürger“ relativierend erklären, dass es sich bei der Berichterstattung um Propaganda handele, sodass dieser nur noch den Medien vertrauen dürfe, die die AFD positiv darstellen. So entsteht eine Realität, die extrem gefährlich ist und insbesondere durch das Phänomen der schweigenden Mehrheit toleriert und sogar legitimiert wird.

Ein Dilemma. Man will der AFD keine große Bühne für ihre Strategie geben, aber Schweigen wird als stille Zustimmung gewertet. Und später kann keiner sagen er habe es nicht kommen sehen.

Die Idee für das Titelbild kommt von Marc Becker:

Quellen   [ + ]