Rotary und die Medien

Am vergangenen Wochenende habe ich auf Einladung am RYLA-Seminar vom Rotary Club zum Thema „die Macht der Medien“ teilgenommen. 25 Teilnehmer wurden von verschiedenen Clubs gesponsert und konnten an drei Tagen in Visselhövede bei voller Verpflegung an einem regen Austausch über alle Branchen hinweg zum Thema Medien teilnehmen. Die Ankündigung der Referenten und Themen war außerordentlich interessant, was mich dazu bewegt hat, an dieser Veranstaltung trotz äußerst enger Terminplanung teilzunehmen. Im Folgenden finden sich kurze Einblicke in die einzelnen Vorträge und Diskussionen:

Social Media

Den Anfang machte Tobias Nehren, Digital Strategist der SPD. Er war und ist für den digitalen Wahlkampf der SPD zu Zeiten von Steinbrück, Martin Schulz und heute Sigmar Gabriel verantwortlich. Das Thema seines Vortrags drehte sich ganz um soziale Medien, deren grundsätzliche Funktionsmechanismen und ihre Auswirkungen auf Wahlkampf in Deutschland. Als wichtigste Erkenntnis blieb bei mir aus diesem Vortrag hängen, dass die Anschläge von Paris in 2015 einen Wendepunkt in der digitalen Berichterstattung darstellen. Mit einer Situation konfrontiert, die es Journalisten unmöglich machte, selbige eindeutig einzuschätzen und zu beschreiben, griffen verschiedene Verlage und Blätter auf die Option zurück, Tweets und andere Beiträge in sozialen Medien zu kuratieren und in eine Art Liveticker einzubetten. Diese Form von Berichterstattung erfolgte zunächst sozusagen unter Vorbehalt und auch mit der eindeutigen Botschaft, dass es keine Gewissheit gebe. In Zeiten der Verunglimpfung des Journalismus als „Lügenpresse“ durch Teile der Öffentlichkeit wandelt sich also der Aufgabenbereich des Journalisten zunehmend. Die lange belächelte Medien- und insbesondere Twitterkompetenz der Branche versetzt den Journalisten in die Lage, über eine Situation zu berichten, ohne sich vorschnell auf eine Sprachregelung oder Deutung der Ereignisse festzulegen. Darüber hinaus hat auch Facebook durch die Ereignisse in Paris eine neue Form der privaten „Berichterstattung“ ermöglicht und mit einem „I am save“-Button ermöglicht, dass Menschen in der geografischen Nähe der Anschlagsorte ihren Facebook-Freunden Entwarnung geben konnten.

Fernsehen

Am Samstag gestaltete Anna Marohn den inhaltlichen Auftakt des Tages mit einem Vortrag über das Fernsehen und die Rolle öffentlich-rechtlicher Sender im Kontext aller linearen und nicht-linearen bzw. digitalen Medien. Zu Beginn stellte sie bereits fest, dass die Formulierung, alles Fernsehen sei in Zukunft tot, nicht korrekt ist. Per Definition ist das Fernsehen nicht auf die Darstellung über das Gerät des TV beschränkt, sondern meint vor allem eine Übermittlung von Informationen an ein Massenpublikum, welches durch räumliche Distanz vom Produzenten getrennt ist. Daher würden auch digital und online wiedergegebene Inhalte unter den Begriff „Fernsehen“ fallen können. Eine wichtige Rolle spielt dieser Unterschied auch in der Messung der Quoten, die intensiv diskutiert wurden und sich aktuell in einer Phase der Umstellung befinden. Bisher wird in der Erhebung der Quoten der Online-Traffic nicht mit einbezogen und damit eine nicht unwesentliche Zuschauermenge in der Programmgestaltung ignoriert. Eine Erkenntnis, die sich für mich aus diesem Vortrag ergab, war vor allem, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten durch die Natur des Journalismus einen großen und auch wünschenswerten Spielraum haben, der sich jedoch in einer mangelnden Analyse, Bewertung und Steuerung von Aktivitäten äußert.

Zeitung

Hendrik Brandt, Chefredakteur der HAZ, beschrieb in seinem Vortrag zunächst den Wandel der Gesellschaft und ihrer Medien, um einen Blick auf die strategischen Herausforderungen zu geben, denen sich klassische Printmedien gegenübersehen. Er brachte die Situation wie folgt auf den Punkt „Wir haben nicht mehr so viele Massenmedien, aber wir haben eine ganze Masse Medien“. Dieser Wandel wurde vor allem durch die technische Entwicklung und das Internet begünstigt. Dennoch „ist das Internet nichts Neues, sondern einfach nur ein neuer Kanal“, den Zeitungshäuser für sich nutzen sollten. Brand ist selbst Chef der Hannoverschen Zeitung und beschrieb auch, wie sein Haus sich der Digitalisierung und dem Wandel des Mediennutzungsverhaltens stellt. Von einer Paywall halte er nichts, aber Geschäftsmodelle wie Blendle könnten eine Chance darstellen, Journalismus auch im digitalen Zeitalter noch finanzieren zu können. Die HAZ arbeitet dem Anschein nach intensiv an einer immer stärkeren Allokation von Geschäftsbereichen auf unterschiedlichste Themengebiete und Businessmodelle und wird heute als Medienmarke betrachtet, die weit mehr als nur Zeitungsberichte zur Verfügung stellt. Mich haben die Ansichten von Herrn Brandt und die Einblicke in die Strategie eines regionalen Medienhauses positiv überrascht und ich bin gespannt, wie sich der Markt weiterentwickelt.

Hörfunk

Helge Haas berichtete in seinem Vortrag über die Zukunft des Hörfunks und erläuterte die derzeitigen Funktionsprinzipien von Radiosendern. Ein Begriff, der mir besonders in Erinnerung blieb, war das sogenannte „Mood Management“. Es beschreibt die Funktion des Radios im Leben der Zuhörer. Es begleitet beim Aufstehen, jemand spricht in der sonst so stillen Wohnung, im Auto sorgt es für die passende musikalische Untermalung, belustigt durch unterhaltsame Morning-Shows, und ganz nebenbei bringt es den Hörer auf den neuesten Stand. Die Frage nach dem „Warum“ beantwortete Herr Haas natürlich auch gleich. Die Leute hören Radio, weil es Spaß macht, informiert und entspannt. Darüber hinaus sagt es einem an jedem Morgen, dass die Welt sich noch dreht und mit welchem Wetter zu rechnen ist. Das oft unterschätzte Medium hat also einen großen Einfluss auf das tägliche Leben eines großen Anteils der Bevölkerung und behauptet sich in Situationen, in denen es ein Fernseher in Deutschland noch schwer hat. Selbiger sorgt jedoch auch für einen Effekt, der unter Radiomachern liebevoll „Fernsehschatten“ genannt wird. Ab 17 Uhr sinken die Hörerquoten drastisch und das TV-Programm übernimmt die Tagesgestaltung des Konsumenten.
Haas beleuchtete außerdem die technische Entwicklung des Radios und warum sich das digitale Radio in Deutschland bisher nicht durchsetzen konnte. In der anschließenden offenen Diskussion konnten von den Teilnehmern des Seminars noch diverse Fragen gestellt und beantwortet werden. Wir konnten auch das Thema Podcasts näher beleuchten und vielleicht sogar einen Impuls setzen, das Format nicht vollständig abzuschreiben und relevantere Inhalte zu schaffen. Besonders spannend war auch die Schilderung es Alltags und der Berufsprofile in einem Radiosender. Für mich bleibt offen, warum Radiosender nicht auf Daten von z. B. Shazam zurückgreifen, um die Aktualität und Qualität ihres Programms zu messen. Auf mich macht es den Eindruck, als ließe man dort ein Geschäftsmodell mit großem Potential einfach am Wegesrand liegen, obwohl die Expertise für den Markt vorhanden ist.